WBS 70 Block

Koszaliner Str.
17036 Neubrandenburg

Der erste Plattenbau der Wohnungsbauserie 70 – kurz WBS 70 – wurde im März 1972 in der Einsteinstraße – heute Koszaliner Straße 1-7 – in der Neubrandenburger Oststadt errichtet. Es entstand ein 5-geschossiger Wohnblock mit vier 3-Raumwohnungen, zwanzig 2-Raumwohnungen und sechzehn 4-Raumwohnungen und einem Anteil von Balkonen von 75 %.

Wohnungsbauserie 70, die Neubrandenburger Oststadt und der industrielle Massenwohnungsbau der DDR

Mit der Grundsteinlegung am 30. April 1952 beginnt der Wiederaufbau der Neubrandenburger Innenstadt in herkömmlicher Ziegelbauweise. Die ersten Aufbaujahre sind jedoch von Materialmangel und langsamen Voranschreiten geprägt. 1957 wird eine städtebauliche Planung für 50.000 Einwohner vorgestellt. Nach der Innenstadt wird hier das südliche Stadtgebiet – heutiger Bereich Clara-Zetkin-Straße, Kaufhof Süd, John-Schehr-Straße – als Aufbaugebiet forciert. Von 1956-57 wird dafür an der Bergstraße das Betonwerk Süd errichtet. Auf den Flächen in der Südstadt entstehen somit bereits Gebäude in der Großblockbauweise. 1962 zeichnet sich ab, dass mit den Flächen in der Innenstadt, der Südstadt und im Vogelviertel die Wohnungsnot nicht beseitigt werden kann.

Bereits 1955 wurde zur weiteren Entwicklung der Bezirksstadt Neubrandenburg eine Stadterweiterung nach Osten thematisiert. Entstehen sollte ein Wohngebiet für ca. 10.000 Einwohner*innen auf 59 Hektar bei einer Einwohnerdichte von 140 Einwohner*innen je Hektar in industrieller Bauweise. Gegen diesen Plan einer „Trabantenstadt“ sprach sich u.a. der Architekt Hermann Henselmann aus. Das Staatliche Entwurfsbüro in Halle legte 1956 einen Plan mit Zeilen verschiedener Geschosshöhen (1-4 Geschosse) in Blockrandbebauung vor. Dieser Entwurf kam jedoch nie zur Ausführung.

Mit den Plänen die Stadterweiterung auf über 60.000 bis 80.000 Einwohner*innen zu erhöhen, wird 1961 ganz im Sinne des industriellen Bauens ein neuer Entwurf für die Neubrandenburger Oststadt vorgestellt. Dieses Mal sollten auf 79 Hektar fünfgeschossige Zeilen in Großplattenbauweise für ca. 12.000 Bewohner*innen entstehen. Eine erste Überarbeitung reduzierte die Fläche auf 52 Hektar und erhöhte Zahl der Einwohner*innen auf ca. 15.000. 1967 kommt es zu einer weiteren Überarbeitung, bei der die forcierte Einwohnerzahl für das Wohngebiet auf 16.000 festgelegt wird.

Anlässlich des 100. Geburtstags Lenins wird am 22. April 1970 der Grundstein für die Neubrandenburger Oststadt mit einem Wohnblock in der Günter-Harder-Straße – heute Niels-Stensen-Straße – gelegt. Bereits Ende 1970 können dort die ersten Wohnungen bezogen werden.

Zugleich kommt in der Neubrandenburger Oststadt zum ersten Mal die Wohnungsbauserie 70 zur Anwendung. Das Institut für Wohnung- und Gesellschaftsbau der Bauakademie, die Technische Universität Dresden und das Neubrandenburger Wohnungsbaukombinat entwickelten zusammen dieses Plattenbausystem. Es prägt bis heute die ostdeutschen Wohngebiete. Von den 1,52 Millionen in Plattenbauweise errichteten Wohneinheiten in der DDR gehören 608.000 zur Wohnungsbauserie 70. Im Ausstauch gegen Öl oder Gas wurden die Platten auch in die UdSSR exportiert. Mit Einführung der WBS 70 konnten innerhalb von 38 Werktagen 40 Wohnungen gefertigt werden. 1972 wurden der erste fünfgeschossige Block und später das erste elfgeschossige Hochhaus der WBS 70 in der Oststadt errichtet.
Typisch waren in der ersten Zeit die Basis von 12 Meter Segmenten und mittig gelegene Treppenhäuser bei fünf Geschossen. Ebenso auffallend ist die reduzierte Gestaltung durch Betonung einzelner Flächen mit farbigen Splitten oder Anstrichen. Ab 1976 konnten Außenplatten mit Keramikfliesen oder Werkstein für die besondere Gestaltung belegt werden, wobei auch hier zu starke Verzögerungen im Produktionsablauf und Materialmangel einschränkend wirkten. Die Anwendung des Plattenbauverfahrens führte dazu, dass bereits 1980 26.000 Menschen in der Oststadt lebten.

Dieser Fokus auf den reinen Wohnungsbau hatte jedoch seinen Preis, die von Iris Grund vorgesehenen Gesellschaftsbauten wie ein Kulturhaus, eine Bibliothek oder eine Schwimmhalle wurden bis zum Ende der DDR nicht realisiert. Vorgehaltene Freiflächen blieben unbebaut.

Der WBS 70 Block wird bereits 1984 als erster errichteter Block dieser Serie unter Denkmalschutz gestellt. Für die technische Entwicklung im Massenwohnungsbau der DDR, deren Anwendung sowie die städtebauliche Dominanz auf dem Gebiet der ehemaligen DDR und darüber hinaus ist er beispielhaft.