Tessenow-
Haus

Neutorstraße 22
17033 Neubrandenburg

Anfang 1919 erwirbt der Architekt und Hochschullehrer Heinrich Tessenow (1876-1950) für 75.000 Mark das Haus in der Neutorstraße – heute Nummer 22 – für seine Frau und die beiden Töchter. Er selbst hält sich eher selten hier auf. Erst 1928/29 nimmt er größere Umbaumaßnahmen vor, die die innere Raumaufteilung und die Gartenfassade betreffen. Die klassizistische Fassade zur Straßenseite bleibt unverändert. Die großflächige Zerstörung der Neubrandenburger Innenstadt am Ende des II. Weltkrieges übersteht das Gebäude nahezu unbeschadet.

Heinrich Tessenow, Wohnhaus und die Suche nach dem „Urtyp“ des Hauses

Heinrich Tessenow wächst in Rostock auf, schließt im elterlichen Betrieb eine Zimmermannslehre ab und besucht anschließend die Baugewerksschulen in Neustadt/Mecklenburg und in Leipzig. Ab 1900 studiert er an der Technischen Hochschule in München. 1902 kehrt er nach Mecklenburg zurück und tritt eine Lehrerstelle am Technikum in Sternberg/Mecklenburg an. 1903 wechselt er an die Baugewerksschule in Lüchow, im selben Jahr heiratet er Elly Schülke. Über Lehrtätigkeiten in Dresden, Hellerau, Trier und Wien kommt er 1926 als Professur an die Technische Hochschule Berlin. Dort wirkt er bis 1941 und erneut nach dem II. Weltkrieg.
Tessenow ist einer der wichtigsten Vertreter der Reformbauarchitektur und war zeit seines Lebens auf der Suche nach dem „Urtyp“ des Hauses. Seine Bauten sind geprägt durch die Reduzierung auf das Einfache und Notwendige, auf geometrische Grundformen, glatte, schlichte, schmucklose und sachliche Flächen. Zu seinen bekanntesten Bauten zählt das Festspielhaus in der Gartenstadt Hellerau. In seinem 1916 erschienen Werk „Hausbau und dergleichen“ formuliert er „… das Einfache ist nicht immer das Beste; aber das Beste ist immer einfach …“.
Das 1919 für seine Familie in der Neutorstraße in Neubrandenburg erworbene Haus unterzieht Tessenow drei Umbauphasen, wobei die umfassendste 1928/1929 vorgenommen wird. Der Lyriker und Essayist Paul Appel, der Mitte 1943 Tessenow in Neubrandenburg besucht, berichtet unter anderem in der Kölnischen Zeitung am 7.10.1943 über diesen Besuch:
„Tessenows Zuhause ist in seiner Heimat, in dem urhaft schönen Mecklenburger Land. Es liegt da die kleine Stadt Neubrandenburg, zwar nur gut zwei Fahrtstunden nördlich von Berlin, aber glücklich verschont von dem Einstrom großstädtischer Einflüsse mit ihrem zerstörerischen Drum und Dran. Wer den Zug verläßt, läßt einige Jahrzehnte Kulturschlacke hinter sich. Alte, umbuschte Wallanlagen nehmen ihn in ihren gemächlichen Frieden auf, und darin, versonnen sicher, ziehen sich die niedrigen Häuserzeilen hin. Städtische und dörfliche Elemente mischen sich ohne Gefahr, alte Tore akzentuieren den einfachen quadratischen Grundriß der Stadtanlage, und die ruhige Marienkirche ruft das echte bauliche Gemeinwesen um sich herum.
In einer diesen einfachen Straßen steht das Tessenow’sche Haus. Es weicht der Straßenflucht nicht aus, schließt sich mit seiner Längsseite den übrigen Längsseiten selbstverständlich an und drückt seine Gehobenheit lediglich durch ein schönes und starkes Volumen aus. In früheren Zeiten – denn es ist kein moderner Bau – dient es einer der ländlichen Adelsfamilien der Umgegend als Stadthaus und Witwensitz. Aus den Händen dieses Geschlechts ging’s in den Besitz des Architekten über und präsentiert sich nach drei behutsamen Umbauten Tessenows, die auch ein scharfes Auge nicht bemerken kann, im Großen und Ganzen noch sein altes Gesicht …“
Ende 1943 wird das Haus in mehrere Notwohnungen aufgeteilt und Tessenow zieht sich in sein Bauernhaus in Siemitz zurück.
Zu DDR-Zeiten wird im Erdgeschoss eine HO-Verkaufsfläche eingerichtet und dafür ein Zugang von der Straßenseite geschaffen. Darüber hinaus wird der zweite Torbogen wieder aufgebaut. Ende der 1990iger Jahre wird das Haus rekonstruiert und zu einem Wohn- und Geschäftshaus umgebaut.
In der äußeren Gestaltung zeigt es sich heute wie zu Tessenows Zeiten, wenngleich der herrliche Garten mit der typischen Tessenowschen Gartenlaube nicht mehr existiert.