St. Michael
Notkirche

Straußstraße 10
17034 Neubrandenburg

1951 wird St. Michael in Neubrandenburg aus vorgefertigten Holzbauteilen, Betonstücken zertrümmerter Panzersperren und Trümmern der zerstörten Marienkirche unter Hilfe von Gemeindemitgliedern  errichtet – ein  Kirchenbau Typ Diasporakapelle aus dem Notkirchenprogramm des Hilfswerk der Evangelischen Kirche Deutschlands. Zwischen 1946 und 1953 entstehen im Rahmen dieses Serienbauprogramms 104 Kirchenbauten auf dem heutigen Gebiet der Bundesrepublik. Verantwortlich für das Programm ist der Architekt Otto Bartning (1883-1959), der als der Vertreter des modernen evangelischen Kirchenbaus gilt und die Baukultur des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägte.

Otto Bartning, St. Michael Neubrandenburg und
das Notkirchenprogramm

Der Architekt und Theoretiker der Moderne Otto Bartning (1883-1959) prägte die Baukultur des 20. Jahrhunderts nachhaltig und gilt als der Vertreter des modernen evangelischen Kirchenbaus. 1945 übernahm er die Bauabteilung des Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland und entwickelte ein Typenprogramm von Notkirchen, die mit vorfabrizierten Elementen und zugleich örtlich angepasst errichtet werden konnten. Das Notkirchenprogramm war die Reaktion auf die vielerorts zerstörten Kirchenbauten nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Mangel an gottesdienstlichen Räumen für die stark angewachsenen Gemeinden.

Von 1946 bis 1952 entstanden 43 von 48 geplanten Notkirchen auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik. Die serienmäßig hergestellten Holzbauteile wie Dachbinder, Pfetten, Dachtafeln und weiteres wurden an den Bauort geliefert und dort in ca. 1-3 Wochen montiert. Diese Bauweise erlaubte, dass das Außenmauerwerk nicht tragend war und aus typisch regionalen Baustoffen oder Trümmern zerstörter Kirchen errichtet werden konnte. In Mecklenburg-Vorpommern entstanden drei Notkirchen, die Neue Kirche in Wismar 1951, St. Johannis in Rostock 1952 und die Friedenskirche in Stralsund 1951.

Auch in Neubrandenburg war die Not nach dem Krieg groß, so schreibt Pfarrer Reinhold 1948 an den Weltrat der Kirche in Genf: „Für die Zuweisung einer Notkirche für unsere Kirchgemeinde Neubrandenburg danke ich Ihnen im Namen des Kirchgemeinderats herzlich. Diese Nachricht hat weithin in der Gemeinde große Freude und neue Hoffnung ausgelöst. Besaß doch früher vor 1945 unsere Kirchgemeinde bei einer Seelenzahl von 1800 Evangelischen 3 Kirchen und war so mit gottesdienstlichem Raum gut versorgt. Aber 1945 brannte die bei weitem größte Kirche, die St. Marienkirche, völlig aus. Auch die kleinste Kirche ist sehr baufällig und kommt wegen ihrer ungünstigen Lage und mangels an Gestühl für gottesdienstliche Zwecke nicht mehr in Frage. So blieb uns leider nur noch 1 Kirche, die mit 450 Sitzplätzen alle gottesdienstlichen Veranstaltungen in sich vereinigte. Ist an sich für 1800 Seelen ein Raum mit 450 Sitzplätzen schon unzureichend, so wird die gottesdienstliche Versorgung der Gemeinde dadurch noch schwieriger als fast die gesamte Innenstadt niedergebrannt ist und das Schwergewicht der Bevölkerungsdichte sich nach einer bestimmten Richtung außerhalb der Stadt verlagert hat.“

Nach dem ersten Erfolg des Programms wird der Notkirchengedanke ab 1949 mit 55 weiteren geplanten sogenannten Diasporakapellen und Gemeindezentren im Serienbau fortgesetzt.

In Neubrandenburg erfolgt am 21. September 1950 der Erste Spatenstich für die neu zu errichtende Kirche St. Michael im Vogelviertel in der Straußstraße, eine von 33 Diasporakapellen.

Bartning äußert sich 1948 in „Was ist eine Notkirche“ selbst zu diesen Bauten: „Heute aber gilt es nicht mehr, den Reichtum der Möglichkeiten durch künstlerische Auswahl zu bändigen, heute gilt es, mit der baren Not zu ringen … oder mit soliden Worten gesagt: wir mußten sparsam aus Bohlen genagelte Joche … konstruieren, samt den abgepaßten Dachtafeln, die Wetterschutz, Wärmehaltung und innere akustische Holzdecke vereinigten; …“

Beim Bau von St. Michael halfen Gemeindemitglieder und christliche Jugendgruppen. Das Fundament besteht aus Betonstücken zertrümmerter Panzersperren, die Außenmauern aus großen Mauersteinen der 1945 zerstörten Marienkirche, der heutigen Konzertkirche, und Normal- und Klinkersteinen gekauft vom Postamt. Die Kirchweihe erfolgte am 16. September 1951, 1963 wurde die Michaelsgemeinde ausgegründet.

Nach der abschließenden Sanierung 2017 erstrahlt St. Michael in neuem Glanz und verdeutlich zusammen mit den anderen 103 Bauten aus dem Programm den Notkirchengedanken und Otto Bartnings Verständnis vom Kirchenbau auf besondere Art und Weise.

„…es entspricht evangelischem Wesen, in der Kirche das geklärte Abbild des täglichen Lebens und der täglichen Geisteshaltung zu sehen.
Diese aber zielen auf Einfalt, Wahrhaftigkeit und Würde;
das heißt: die äußere Erscheinung soll Ausdruck des inneren Lebens sein,
ohne Trug, ohne Prunk, – werbend, einladend durch ihr stilles Sein, ohne reklamehaften Schein.

Das alles ist weit entfernt von Armseligkeit – oder gar einem asketischen Prunken mit Armut.
Bauen heißt Sichtbarwerden, heißt Bekennen,
und zwar Bekennen nicht mit Worten, – die verklingen oder sich umdeuten lassen,…
… So bedeutet Bescheidenheit der Mittel die stolze Kraft,
–  das Wesentliche ganz wahrhaft auszudrücken …“

Otto Bartning in „Glaube und Form“ 1940

Schreiben an den Weltrat der Kirche

Für die Zuweisung einer Notkirche für unsere Kirchgemeinde Neubrandenburg danke ich Ihnen im Namen des Kirchgemeinderats herzlich. Diese Nachricht hat weithin in der Gemeinde große Freude und neue Hoffnung ausgelöst. Besaß doch früher vor 1945 unsere Kirchgemeinde bei einer Seelenzahl von 1800 Evangelischen 3 Kirchen und war so mit gottesdienstlichem Raum gut versorgt. Aber 1945 brannte die bei weitem größte Kirche, die St. Marienkirche, völlig aus. Auch die kleinste Kirche ist sehr baufällig und kommt wegen ihrer ungünstigen Lage und mangels an Gestühl für gottesdienstliche Zwecke nicht mehr in Frage. So blieb uns leider nur noch 1 Kirche, die mit 450 Sitzplätzen alle gottesdienstlichen Veranstaltungen in sich vereinigte. Ist an sich für 1800 Seelen ein Raum mit 450 Sitzplätzen schon unzureichend, so wird die gottesdienstliche Versorgung der Gemeinde dadurch noch schwieriger als fast die gesamte Innenstadt niedergebrannt ist und das Schwergewicht der Bevölkerungsdichte sich nach einer bestimmten Richtung außerhalb der Stadt verlagert hat. Dort aber steht keine Kirche, so dass für einen erheblichen Teil der dort ansässigen Gemeinde der Anmarschweg mit einem großen Zeitaufwand verbunden ist und durch geschlossene Schranken bei dem Bahnübergang oft noch erheblich vergrößert wird. Bei dem Gegenwartstempo spielt leider auch die Zeitfrage bei gottesdienstlichen Veranstaltungen mit. Um den Aufgaben der kirchlich-religiösen Unterweisung gerecht zu werden, stehen uns als Notbehelfe nur verschiedene Stuben in den Pfarrhäusern zur Verfügung. Auch ist der Anmarschweg von der Vorstadt nach hierhin für die Kinder noch weiter als für die Erwachsenen der Weg zur Kirche, so dass auch aus diesem Grunde eine Kirche mit einem für kirchliche Unterrichtszwecke geeigneten Raum in der Vorstadt besonders zu begrüßen ist.

Auf Anfrage teilte der Bürgermeister mit, dass das von der Stadt angeforderte Gelände im Umtausch mit kirchlichem Gelände zur Verfügung gestellt werden würde. Die entsprechende Vorlage bedarf nur noch der Bestätigung der Stadtverwaltung, die mit 100%-tiger Sicherheit gegeben würde. Wir hoffen kirchlich eingestellte Ackerbürger als Fuhrleute für die Heranschaffung des Baumaterials zu gewinnen. Auch stehen christliche Jugendgruppen als Arbeitskräfte zur Verfügung. Eine große Baufirma, unmittelbar an der Bahn gelegen, sorgt für Sicherstellung des Baumaterials.

Wir fühlen uns nächst Gott, dem Weltrat der Kirche und der vielen freundlichen Spenden für die hilfsbereite brüderliche Gesinnung in Christo zu großem Dank verpflichtet. Möge durch unser brüderliches Zusammenarbeiten bald in unserer Vorstadt eine Kirche entstehen, aus der Dankesströme gegen Gott und sein Heil in Christo wie reiche Segensströme christlichen Glaubens + christlicher Liebe für die Menschen fließen.

In Jesu Liebe verbunden
i.A.
W. Reinhold, Pfarrer
Neubrandenburg, den 16.9.48.