Pfarrkirche
St. Josef –
St. Lukas
Kirche

Heidmühlenstraße 9
17033 Neubrandenburg

Von 1976 bis 1980 entsteht in Neubrandenburg der Neubau der katholischen Kirche St. Josef – St. Lukas mit zwei eindrucksvollen Hyparschalendächern, die den Kirchenraum und die Gemeinderäume überspannen. Der Kirchenbau ist eine Zusammenarbeit von Ulrich Müther (1934-2007), Dietrich Otto und Erhard Russow. Müther war Bauingenieur sowie Unternehmer und realisierte zahlreiche Schalenbauten in Mecklenburg-Vorpommern, der DDR und im Ausland. Wie niemand sonst spezialisierte er sich auf die Konstruktion von Betonschalen und wurde so zu einer prägenden Gestalt der ostdeutschen Nachkriegsarchitektur. Mit der Stadthalle (1969) im Kulturpark findet sich ein weiterer Mütherbau in Neubrandenburg.

Ulrich Müther, St. Josef – St. Lukas Neubrandenburg und Hyparschalendächer

1899, das erste Mal seit der Einführung der Reformation in Mecklenburg 1549, wird in Neubrandenburg wieder ein katholischer Gottesdienst gehalten. Er findet in der Aula der Bürgerschule statt. 1906 errichtet man Sankt Joseph in der Großen Krauthöferstraße. Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt der Kirchenbau schnell an seine Grenze und kann die stark gewachsene Gemeinde nicht mehr beherbergen. Mit dem drohenden Abriss aufgrund einer geplanten Straßenerweiterung gelingt es der katholischen Gemeinde 1976 nach jahrelangen Verhandlungen eine Genehmigung für einen Neubau zu erhalten. Die alte Kirche fällt an die Stadt Neubrandenburg, entgeht dem Abriss und ist seit 1996 das Veranstaltungszentrum und Kino Latücht.

Die Gemeinde erhält für den Neubau ein Grundstück in der Heidmühlenstraße und Auflagen, dass die neue Kirche in der Grundfläche der alten zu entsprechen hat und sieben Meter Höhe nicht überschreiten darf. Geplant wird entgegen damaliger Bauvorschriften ein Kirchenbau, von dem drei Außenmauern auf den Grundstücksgrenzen stehen. Problematisch bleibt jedoch die Dachkonstruktion. Eine reguläre Konstruktion mit einem Dachstuhl hätte bei der vorgeschriebenen Gebäudehöhe weiterhin zu einem zu kleinen Kirchenraum geführt.

Ein paar Jahre zuvor entsteht in Rostock 1971 für die im gleichen Jahr gesprengte katholische Christuskirche ein Neubau, bei dem eine Hyparschale aus Beton des Bauingenieurs Ulrich Müther (1934-2007) für die Überdachung des Kirchenraums zum Einsatz kommt.

Müther und der VEB Spezialbetonbau Binz können auch für den Neubrandenburger Neubau gewonnen werden. Den Vorentwurf für einen Kirchenbau mit Gemeinderäumen und zwei Betonschalendächern liefert der VEB-eigene Architekt Dietrich Otto. Entgegen der Vorgaben schafft es Müther die Gebäudehöhe auf zwölf Meter zu erhöhen. Mit der Ausführungsplanung wird Erhard Russow beauftragt, er verändert den ersten Entwurf mit der nahezu geschlossenen Klinkerfassade zu der heutigen schottartigen Außenfassade mit vertikalen Fensterbändern, die mehr Licht im und eine bessere Belüftung des Kircheninneren erlauben. Die Finanzierung erfolgt im Rahmen eines Sonderbauprogramms über das Bonifatius-Werk. Neben dem VEB Spezialbetonbau Binz sind der VEB (K) Malchin und der VEB (K) Hochbau Templin am Bau beteiligt.

Am 19. Oktober 1977 wird feierlich der Grundstein gelegt und am 18. Oktober 1980 weiht Bischof Heinrich Theissing die neue Pfarrkirche St. Josef – St. Lukas. Das Altarkreuz, an der von Christof Grüger (1926-2014) mit Betonglasfenstern gestalteten Altarwand, sowie die Josefsfigur im Eingangsbereich sind die beiden einzigen Dinge aus der alten Kirche, die sich in der neuen finden.

Die beiden Hyparschalendächer von Müther überspannen auf besonders filigrane Art den Kirchen- und die Gemeinderäume. Die größere Schale misst 23,5 x 30 m und die kleinere 17,6 x 23 m bei einer durchschnittlichen Dicke von nur 7 cm.

Ulrich Müther spezialisierte sich wie niemand sonst in der DDR auf die Konstruktion von Betonschalen und wurde so zu einer prägenden Gestalt der ostdeutschen Nachkriegsmoderne. Er realisierte in Kooperation mit verschiedenen Architektinnen und Architekten über 70 Schalenbauten in Mecklenburg-Vorpommern, der DDR und im Ausland. In Neubrandenburg findet sich neben St. Josef – St. Lukas mit der Stadthalle im Kulturpark ein weiterer Mütherbau, der bereits 1969 errichtet wurde.

Jahr des Herren 1977

Am 19. Oktober, als Papst Paul VI. die Kirche leitete, als Dr. Helmut Hermann Wittler Bischof von Osnabrück und Bischof Heinrich Theissing Apostolischer Administrator in Schwerin war, als Norbert Werbs Pfarrer, sowie Arnold Handke und Siegfried Albrecht Kapläne und Horst Elsner Diakon von Neubrandenburg waren, im 32 Jahr nach der Beendigung des 2. Weltkrieges, an dessen Folge Deutschland in zwei Staaten geteilt wurde, als in der Deutschen Demokratischen Republik Erich Honecker Vorsitzender des Staatsrates und Willi Stoph Vorsitzender des Ministerrates war und als Heinz Hahn Oberbürgermeister der Bezirksstadt Neubrandenburg war, wurde dieser Grundstein für die neue katholische Kirche in Neubrandenburg gelegt.

Diese Kirche wird errichtet, weil die 1906 erbaute St. Josefs-Kirche wegen einer Straßenverbreiterung abgerissen werden soll und sie seit Ende des 2. Weltkrieges für die katholische Gemeinde viel zu klein geworden war.

Nach langwierigen Verhandlungen, die seitens der Kirche 1971 Pfarrer Hermann Timmerbeil begonnen und Ordinariatsrat Josef Michelfeit, Pastor in Crivitz, weitergeführt hat, begann die Erschließung des Baugeländes am 13. Dezember 1976. Die Bauausführung wurde dem VEB(K) Bau Malchin in Zusammenarbeit mit dem VEB Spezialbetonbau Binz und dem VEB(K) Hochbau Templin übertragen. Die Baupläne stammen von den Architekten Dietrich Otto (Binz) und Erhard Russow (Dargun). Der Abschluß des Baues ist für Ende 1978 vorgesehen.

Möge dieses Gebäude eine Stätte der Verkündigung, der Frohen Botschaft, ein Raum der Versöhnung und Gemeinschaft in Christus und ein Haus des Gebetes sein, das allen offen steht, die Gott in Wahrheit suchen!

Dazu gebe der dreieinige Gott uns und den kommenden Generationen Seinen Segen.

Norbert Werbs (Pfarrer)
Neubrandenburg, den 19. Oktober 1977